Das Interview führte Julia Hackober, Fotos von Mercedes-Benz

Ein Interview mit Alexandra Försterling. 

Sie ist unser Golf-Supertalent! Wir haben Alexandra Försterling kurz nach ihrem Olympiadebüt in Paris 2024 gesprochen und dabei mehr über ihren Weg als Golfprofi, ihre Zukunftspläne und ihren Blick auf den Golfsport erfahren.

 

Liebe Alexandra, Du kommst gerade von den Olympischen Spielen in Paris zurück. Was war Dein Highlight dort – und welche Erkenntnis nimmst Du von den Spielen mit in Dein Sportlerinnenleben?
Die Olympischen Spiele waren großartig; die ganze Woche war unglaublich, und ich bin sehr stolz und dankbar, dass ich das alles erleben durfte. Es gab so viele Highlights; eines davon war auf jeden Fall die sensationelle Stimmung auf dem Platz! Die Fans haben mitgefiebert, und ich habe mich gefreut, dass so viele deutsche Zuschauer vor Ort waren. Ein weiteres Highlight war natürlich das olympische Dorf mit den vielen internationalen Athleten. Für mich steht fest: Ich möchte definitiv 2028 in Los Angeles wieder dabei sein!

 

In Deinem Leben passiert gerade sehr viel. Vor Olympia hast Du die German Masters gewonnen, Du bist neuerdings als Markenbotschafterin von Mercedes-Benz aktiv. Wie muss man sich Dein Leben als Profisportlerin aktuell vorstellen?
Ich bin in den Wochen vor Olympia viel gereist und habe mehrere Turniere gespielt, war dann aber auch ein paar Tage zu Hause in Berlin, um mich zu erholen. Regeneration ist mir sehr wichtig, nach vier Turnierwochen ist die Energie weg. Anschließend ging’s wieder mit dem Training los. Für gewöhnlich starte ich mit einer Analyse meiner Statistiken: Was lief gut bei den Turnieren oder Olympia, was nicht? Im Training fokussiere ich mich dann auf die Dinge, die ich verbessern will. Ich fahre jeden Tag nach Wannsee in den Golfclub, trainiere aber nach Lust und Laune, ohne superstrengen Plan; mir ist wichtig, dass ich je nach Tagesform entscheiden kann, woran ich arbeiten möchte. Und natürlich mache ich viel Sport nebenher für die Grundfitness, meistens um die Mittagszeit.

 

Was machst Du an einem freien Tag?
Ich brauche dann mal eine Pause von Golf. (lacht) Im Ernst: Wenn man sich während anstrengender Turnierwochen 24/7 mit Golfen beschäftigt, tritt irgendwann eine Überreizung ein, und ich bin dann wirklich froh, wenn ich mal was anderes machen kann. Sonntage versuche ich mir freizuhalten, gehe mal in ein Museum oder kümmere mich um Angelegenheiten, die liegen geblieben sind.

 

Wann war für Dich klar, dass Du den Schritt in den Profisport wagen möchtest?
Mit 14 Jahren wurde ich in den deutschen Nationalkader aufgenommen, und ich habe immer mehr und größere Turniere gespielt, auch international. Ich war schon immer ehrgeizig, aber zu der Zeit ist der Traum immer größer geworden, das Hobby zum Beruf zu machen. Gleichzeitig wollte ich gern studieren und einen Plan B haben, falls es mit dem Golfen nicht klappt; mit 18 habe ich mich außerdem nicht bereit für das Leben auf der Tour gefühlt. Deshalb habe ich mich dazu entschieden, nach dem Abi in Berlin in die USA zu gehen und meine Sportkarriere neben dem Studium voranzutreiben. Das ist dort sehr üblich. An der Arizona State University konnte ich Film- und Medienproduktion studieren, College-Golf spielen und mich optimal auf die LPGA vorbereiten (Anm.: die Profitour der Damen in den USA) – für mich war dieser Weg genau der richtige.

 

„Nach dem Abi bin ich in die USA, um meine Sportkarriere neben dem Studium voranzutreiben.“ 

Was hast Du aus der Zeit in den Staaten für Dich und Dein Leben mitgenommen?
Ich konnte „Amerikaluft“ schnuppern und mich an die Bedingungen in den USA gewöhnen. Im College-Golf lernt man viele Plätze kennen, ich weiß jetzt, wie sich Golf in den USA spielt, ich spreche sehr gut Englisch, das sind alles Aspekte, die mir jetzt auf der Tour sehr helfen. Auch für meine persönliche Weiterentwicklung war diese Zeit total wichtig. Vorher habe ich zu Hause bei meinen Eltern gewohnt, in den USA war ich plötzlich auf mich allein gestellt, konnte durch die Zeitverschiebung nicht bei jeder Kleinigkeit zu Hause anrufen. Ich bin sehr selbstständig geworden in der Zeit und habe gelernt, mich auf mich selbst zu verlassen. Und als ich im letzten Unijahr mein erstes College-Turnier gewonnen habe, wusste ich: Okay, jetzt bin ich bereit fürs Leben als Profi.

 

In den USA hat Sport einen viel höheren gesellschaftlichen Stellenwert als in Deutschland. Wie hast Du das erlebt?
Wenn ich in den Staaten vom Golfen erzähle, sind die meisten Leute ganz begeistert, und in vielen Fällen kommt die Antwort: Oh, ich spiele auch Golf! Golf ist dort viel beliebter. Hier in Deutschland ist das anders, da wissen die Leute oft nicht, wie sie auf Golf und überhaupt auf eine Karriere im Profisport reagieren sollen. Das allein zeigt, wie wichtig Sport in den USA ist. Viele Kinder probieren dort fünf, sechs Sportarten aus, es gehört zum Alltag, sich für verschiedene Sportarten zu interessieren. Im College habe ich am Wochenende häufig Turniere anderer Sportarten angeguckt, Basketball, Football, Eishockey. Es war megaspannend und beeindruckend, diese Begeisterung zu erleben.

 

Was macht für Dich die Faszination am Golfsport aus?
Man ist draußen, umgeben von wunderschöner Natur, und vor allem ist man nie alleine unterwegs. Golf ist ein Einzelsport, aber trotzdem sehr gesellig. Ich kann mich gar nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal alleine eine Runde gespielt hätte! Das hat mir auch als Kind am besten beim Golfen gefallen: Ich hatte meine Freunde im Club, wir sind zusammen zu Meisterschaften gefahren. Inzwischen hat, auch durch die Zeit am College, mein halber Freundeskreis irgendwas mit Golf zu tun.

Alexandra Försterling - Profigolferin, Olympionikin, Markenbotschafterin

„Ich möchte auch Spaß haben auf der Tour – dann spiele ich am besten.“ 

 
She's Mercedes Inspiration | Mercedes-Benz

 

 

Du wirst bisweilen als „Wunderkind“ im deutschen Damengolf bezeichnet, bist eine der zwei bestplatzierten deutschen Golferinnen in der Weltrangliste, viele Hoffnungen ruhen auf Dir. Wie gehst Du mit diesem Erwartungsdruck um?

Eigentlich spüre ich nicht so viel Druck von außen. Ich weiß ja, dass die Menschen in meinem nächsten Umfeld mich zu 100 Prozent unterstützen, auch dann, wenn ein Turnier mal nicht so gut läuft. Den größten Druck macht man sich ohnehin immer selbst. Natürlich nervt es, wenn es auf dem Platz nicht gut läuft, ich will ja immer mein Bestes geben und so gut wie möglich spielen. Aber im Moment konzentriere ich mich sehr stark auf den Gedanken, dass ich aus jedem Turnier etwas lernen kann, egal, ob es gut oder schlecht gelaufen ist, und das hilft mir. Ich gewinne mit zunehmender Erfahrung an Sicherheit, und das ist ein schönes Gefühl.

 

Wie gehst Du mit Rückschlägen um?

Manchmal ist die Enttäuschung schon groß, klar, vor allem, wenn man sich gut gefühlt hat auf der Runde, das Spiel an sich gepasst hat, und dann stimmt das Ergebnis irgendwie doch nicht. Dann bin ich auch mal für einen halben Nachmittag echt nicht gut drauf. Aber ehrlich gesagt sehe ich es meistens so: Es ist nur eine Runde Golf, die nicht gut lief, und die Saison ist lang. Eine verkorkste Runde ist kein Weltuntergang. Passiert – und man kann nur versuchen, das Beste draus zu machen, sich abends zum Beispiel noch mal hinsetzen und die Situationen anschauen, die man beim nächsten Mal besser machen möchte.

 

Wie setzt Du Dir Ziele für Deine Karriere?

Ich bin jemand, der sich gern ambitionierte, aber realistische Ziele setzt. Ich weiß, was in meinen Möglichkeiten liegt; ich traue mir schon zu, irgendwann mal die Nummer eins der Welt zu werden. Aber nicht innerhalb der nächsten Saison, das ist illusorisch. Aktuell fahre ich eher auf Sicht, stecke mir Ziele für die nächste Woche oder das nächste Turnier. Tendenziell immer etwas höher als das, was absolut machbar ist. Wenn ich mir bei großen Turnieren nur vornehme, den Cut zu schaffen (Anm.: Nur die besten Teilnehmerinnen erreichen nach zwei Runden das Finale eines Golfturniers), dann mäandert man um diese Platzierungen herum. Wenn ich mir aber vornehme, ich möchte auf jeden Fall in die Top 15 kommen, dann fokussiert man sich gedanklich mehr auf das, was möglich wäre, nicht nur auf das, was in Reichweite liegt.

 

Auf welchen Erfolg in Deiner bisherigen Karriere bist Du besonders stolz?
Auf alle meine Turniersiege! (lacht) Nein, der erste Sieg auf der Tour, das war im September 2023 in der Schweiz, war schon besonders, vor allem, weil viel Druck von mir abfiel. Ich habe gezeigt, dass ich wirklich vorn an der Spitze mitspielen kann. Ich habe daraus viel gelernt. Zwei Monate später habe ich noch mal gewonnen, auf Mallorca; ich glaube, dass mir die Erfahrung, wie es ist, im Leader Flight zu spielen, dabei sehr geholfen hat.

 

Du bist 24 Jahre alt, hast privat schon einige Schicksalsschläge verkraften müssen. 2020 ist Dein Vater ganz plötzlich verstorben, als Du noch mit der Uni und den Vorbereitungen für die Profitour beschäftigt warst. Was hat Dir dabei geholfen, wieder in den sportlichen Wettkampfmodus zurückzufinden?
Das war schon eine heftige Zeit. Ich war 19 und vorher noch nie auf einer Beerdigung, kaum jemand in meinem Freundeskreis hatte schon mal einen solchen Verlust verkraften müssen. Es ging mir nicht gut, und ich habe kaum gegolft. So blöd es klingt: Die Coronazeit hat mir letztlich erlaubt, den Schicksalsschlag zu verarbeiten. Ich konnte ein halbes Jahr bei meiner Mutter in Berlin verbringen, und ich habe ganz locker wieder mit dem Golfen angefangen, mich am Wochenende mit meinen Freunden in Wannsee verabredet, hier und da Turniere gespielt, meine Mama war immer mit dabei.

 

Was hast Du über Resilienz gelernt?
Dass es hilft, mit Menschen zu reden, die Ähnliches durchgemacht haben. Schicksalsschläge und Trauer gehören zum Leben, es verbindet, offen damit umzugehen. Ich bin froh, dass ich die Zeit hatte, mich sammeln zu können, und nicht mit diesem unglaublichen Schmerz sofort wieder performen musste. Als sich die Coronaregelungen lockerten, ich wieder in Arizona zur Uni ging und meinen Sport machen konnte, ging es mir schon viel besser.

 

Was hilft Dir, vom Trubel auf der Tour abzuschalten?

Durchs Golfen reise ich sehr viel und versuche immer, an freien Tagen neue Orte zu erkunden. Das lenkt super ab. Sonst denkt man doch wieder nur die ganze Zeit darüber nach, welches Loch man wie spielen könnte. Ich möchte auch Spaß haben auf der Tour – dann spiele ich am besten.

 

„Ich gewinne gerade mit zunehmender Erfahrung an Sicherheit, und das ist ein schönes Gefühl.“

Apropos Spaß. Golf gilt ja leider viel zu oft als Rentnersport, den vor allem alte weiße Männer betreiben. Wie könnte man Deiner Meinung nach mehr Frauen für diesen tollen Sport begeistern?

Ja, die Klischees sind leider sehr präsent. Es liegt ein wenig daran, dass Golf ein sehr zeitintensiver Sport ist, und Rentner haben Zeit. Aber man muss nicht immer 18 Loch spielen, man kann auch mal schnell auf die Range fahren und ein paar Bälle kloppen, das macht auch Spaß. Golf kann ein super Ausgleich zum stressigen Alltag sein, allein schon, weil man so viel Zeit an der frischen Luft verbringt. Den Aspekt sollte man vielleicht mehr in den Vordergrund stellen. Ich freue mich auf jeden Fall, wenn ich dazu beitragen kann, dass das steife Image vom Golfsport aufgebrochen wird und mehr junge Mädels und Frauen Lust bekommen, den Sport mal auszuprobieren.

 

Kürzlich ging ein Video viral, in dem eine Golfcoachin von einem Hobbygolfer in ihrem Schwung „verbessert“ wurde. Das Video zeigte eine Dynamik, die auf dem Platz häufig zu beobachten ist – Männer wissen alles besser. Hast Du einen Tipp, wie man mit „Mansplaining“ umgeht?

Das Video kenne ich – eine doofe Situation war das. Ich fand cool, dass die Golferin über die Situation lachen konnte, anders kann man damit nämlich nicht umgehen. Wenn Leute meinen, alles besser zu wissen, ist das deren Sache. Ich lasse so was einfach an mir abprallen. Beim Golfen erlebe ich das nicht mehr, seit ich Profi bin, aber Mansplaining gibt’s ja auch in anderen Bereichen des Lebens – ich muss gerade ans Autofahren denken, da heißt es ja auch immer: Frauen können nicht Auto fahren, und jeder gibt dir als Frau ungefragt Tipps. Völlig unangebracht!

 

Ein Thema, das so gar nicht zum Lachen ist: Im Profigolf gibt es wie in vielen Sportarten immer noch einen Gender-Pay-Gap. Was tut sich hier aktuell, um die Preisgelder und Honorare anzugleichen?
Es geht langsam voran. Ja, die Preisgelder für die Frauenturniere werden angehoben, aber die für die Männer ja auch. Im Moment ist es schon noch so, dass Frauengolf nicht die gleiche mediale Präsenz hat wie Herrengolf. Deshalb ist der Sport für Sponsoren noch nicht ganz so interessant. Alle Spielerrinnen auf der Tour bemühen sich, das zu ändern. Cool finde ich, dass man jetzt die LET, Ladies European Tour, auf Sky streamen kann, das trägt dazu bei, die Sichtbarkeit für Frauengolf zu erhöhen.

 

Wie entscheidend ist der finanzielle Faktor, um die Golfkarriere voranzutreiben?
Viele Spielerinnen stehen sehr unter Druck, jede Woche den Cut schaffen zu müssen, weil sie sonst kein Geld verdienen und im Zweifel noch draufzahlen für die Teilnahme an Turnieren. Reisekosten, Unterkunft, das Team – man geht immer in Vorleistung und muss dann hoffen, dass man diese Kosten wieder reinspielen kann. Natürlich beeinflusst es das Spiel, wenn man im Hinterkopf die Rechnungen aufsummiert. Diese Frauen kämpfen um ihren Lebensunterhalt, manche können sich die Golfkarriere schlicht nach einer Weile nicht mehr leisten. Das ist bei den Männern etwas anders, da können mehr Sportler gut vom Golfen leben, einfach, weil mehr Geld in den Sport fließt.

 

Was rätst Du Mädchen und jungen Frauen, die überlegen, eine Karriere als Profigolferin anzustreben?
Nie die Hoffnung aufgeben und geduldig bleiben. Es kann nicht alles von einem Tag auf den anderen funktionieren. Dranzubleiben und Spaß dabei zu haben, das ist für mich entscheidend. Man erlebt durchs Golfen so viel, das ist einfach toll.

 

Du hast schon viel erreicht in Deinem Sport. Hast Du ein Idol?
Annika Sörenstam ist eine Ikone! Sie hat so viel fürs Frauengolf getan, von ihr kann man viel lernen.

 

Mit wem würdest Du gern mal eine private Spaßrunde drehen?
Jack Nicklaus, Tiger Woods, auch Bernhard Langer – die ganzen großen Namen, die so viel erlebt haben auf der Tour.

 

Welcher ist der schönste Golfplatz, auf dem Du je gespielt hast?
Definitiv Augusta – noch schöner als im Fernsehen!

3 Tipps von Alexandra Försterling

Für mehr Erfolg auf dem Golfplatz

1. Meine ultimative Putting-Übung: Vier Bälle ums Loch herumlegen, zwei Birdie-Putts in zweieinhalb Metern Entfernung vom Loch und zwei Par-Putts einen guten Meter entfernt. Dann immer ums Loch herumgehen und sich auf jeden Putt so konzentrieren, als würde man im Turnier spielen, mit der vollen Routine. 

 

2. Wenn es auf der Runde nicht läuft, spreche ich mir selbst Mut zu: Komm, zwei Birdies noch, das schaffst du! Ich versuche, auf den letzten neun Löchern noch mal volle Konzentration zu zeigen, auch wenn das Ergebnis davor nicht gut war. Und meistens klappt das auch!

 

3. Golf auch mal Golf sein lassen. Erfolg beim Golfen ist eine Frage der Konzentration, also braucht der Kopf auch mal Pause. Je mehr man sich verkrampft, desto schwieriger wird’s.

Weitere starke Frauen, die inspirieren. 

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Hier ein Auszug weiterer Protagonistinnen, die wir für unseren She’s Mercedes Newsletter interviewen durften:

  • Jasmin Eichler
  • Sue Giers
  • Stefanie Giesinger
  • Annica Hansen
  • Oona Horx-Strathern
  • Estelle Marandon
  • Guya Merkle
  • Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff
  • Henrike Redecker
  • Maria von Scheel-Plessen
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