Das Interview führte Julia Hackober, Fotos von Constantin Riess

Ein Interview mit Christiane von Hardenberg.

Bevor Geld für einen arbeitet, muss man Zeit investieren, sich informieren und weiterbilden. Warum fällt das vielen so schwer? Darüber haben wir mit Finanzexpertin Christiane von Hardenberg gesprochen.

Christiane von Hardenberg, Volkswirtin, Bestsellerautorin, Investorin

„Andere ermächtigen, gute Entscheidungen für sich und ihr Geld zu treffen – das macht mir viel Freude.”

 
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Liebe Christiane, Du hast Dich als promovierte Volkswirtin und Wirtschaftsjournalistin schon immer theoretisch mit Finanzen beschäftigt. Wann hast Du festgestellt, dass Du Dich auch dringend besser um
Dein eigenes Geld kümmern musst?

Als Unternehmerkind bin ich mit dem Spruch aufgewachsen: Man muss das Geld für sich arbeiten lassen. Mit 14 habe ich deshalb schon mein Konfirmationsgeld angelegt. Der Gedanke, dass man sich um sein Geld kümmern muss, war also schon immer präsent in meinem Leben. Als mein dritter Sohn geboren wurde, hatte ich dann aber noch mal ein echtes Aha-Erlebnis: Ich arbeitete damals in Teilzeit als Redakteurin, bekam nicht mehr so spannende Aufgaben, verdiente weniger. Am Ende des Monats blieb wenig Geld übrig, gleichzeitig hatte ich kaum Zeit für meine Kinder. Mir wurde klar: So geht es nicht weiter – ich muss mir meine Finanzen anschauen und überlegen, wie ich anderweitig Einkommen generieren kann. Ich habe dann angefangen, in Immobilien zu investieren. Ich muss dazu sagen: Meine Eltern sind früh gestorben, und ich hatte sicherlich ein anderes Startkapital, als man für gewöhnlich um die 30 hat. Allerdings war mein Erbe keine Vollkaskoversicherung, ich musste mir sehr genau überlegen, was ich damit mache.  

 

Inzwischen schreibst Du eine Anlagekolumne für die „FAZ“, hast zwei Bestseller über Vermögensplanung veröffentlicht, in Deiner „Wealth Academy“ coachst Du die Teilnehmer:innen, souverän mit ihren Finanzen umzugehen. Was fasziniert Dich immer wieder aufs Neue am Thema Geld?
Viele denken ja, der Umgang mit Geld sei wahnsinnig komplex und schwierig, und lassen ihr Geld lieber auf dem Konto versauern, bevor sie einen Fehler beim Investieren machen. Zu erklären, wie man dieses ungenutzte Potenzial heben und Rendite erzielen kann, andere Menschen zu ermächtigen, gute Entscheidungen für sich und ihr Geld zu treffen – das macht mir sehr viel Freude.

 

Was bedeutet für Dich finanzielle Freiheit?
Offen gestanden finde ich den Begriff Freiheit schwierig im Zusammenhang mit Geld. Freiheit beginnt im Kopf und hat nichts mit Geld zu tun. Ich spreche lieber von finanzieller Unabhängigkeit. Und das bedeutet für mich, dass ich finanziell so aufgestellt bin, dass ich entscheiden kann, welche Jobs ich annehme, wie ich meine Arbeitszeit einteile, ob ich die Freizeit mit meiner Familie so gestalten kann, wie ich mir das vorstelle. Ein persönliches Beispiel: Der Mai lief für meine Familie ziemlich verrückt, die Kinder waren abwechselnd krank und zu Hause, ich wollte mich kümmern und wusste, dass ich ruhigen Gewissens etwas weniger arbeiten kann. Das ist das größte Glück für mich.

 

 

„Warum reden wir nur davon, wie man Altersarmut für Frauen verhindert – aber erklären nicht, wie man echten Wohlstand aufbaut?“

Was entgegnest Du Menschen, die sagen: Geld ist mir nicht so wichtig, ich will mich nicht dauernd damit befassen?
Die Einstellung muss man sich erst mal leisten können! Natürlich sind andere Dinge im Leben wichtiger als Geld: Familie, Freunde, Gesundheit. Ich halte persönlich auch nichts davon, über die Auseinandersetzung mit Geld zu vergessen, was wirklich zählt im Leben. Dennoch ist es wichtig, sich im angemessenen Maß mit dem eigenen Geld bzw. dem Vermehren des eigenen Geldes zu beschäftigen, einfach, damit man für sich selbst und andere gut sorgen kann. Man geht ja meist nicht völlig allein durchs Leben, und gerade mit Familie trägt man schlicht die finanzielle Verantwortung. Ich habe selbst vier Kinder, denen ich ein gutes Leben bieten möchte. Ich spreche nicht von Urlauben in Luxusresorts, aber meine Kinder sollen eine gute Ausbildung bekommen, Hobbys verfolgen können, sich nicht mit finanziellen Sorgen herumschlagen müssen. Die Aussicht, ein gutes Leben zu führen, sollte eigentlich genug Motivation sein, sich mit den Möglichkeiten am Aktienmarkt auseinanderzusetzen – auch dann, wenn man sich erst mal nicht wirklich dafür interessiert.

 

Deine Expertise zum Thema Vermögensaufbau ist selbstverständlich für Männer und Frauen interessant. Dir ist es aber besonders wichtig, Frauen für das Thema zu sensibilisieren. Warum?
Ich sehe in dem Bereich immer noch einen riesigen Nachholbedarf. Historisch gesehen tragen Frauen noch nicht lange Verantwortung für Geld. Erst seit den 1970er-Jahren dürfen Frauen in Deutschland ein eigenes Konto führen oder eine Kreditkarte haben. Und auch heute managen in vielen Haushalten die Frauen zwar die Alltagsfinanzen, die großen Entscheidungen aber treffen die Männer. Das ist im 21. Jahrhundert wirklich nicht mehr angemessen! Doch Frauen haben einfach nach wie vor mehr Hemmungen, sich mit Kapitalanlagen auseinanderzusetzen. Das betrübt mich, und ich versuche, Frauen zu motivieren, ihr finanzielles Potenzial zu nutzen.

 

Das tun inzwischen auch „Finfluencerinnen“, die über ETFs auf Social Media posten, es gibt Finanzmagazine, die sich speziell an Frauen richten, Banken bieten Anlagekurse für weibliche Kundinnen an. Der Zugang zu finanzieller Bildung ist viel niedrigschwelliger geworden. Warum ist es Deiner Meinung nach für Frauen trotzdem noch lange nicht so selbstverständlich wie für Männer, sich an Investitionen zu wagen?
Das stimmt, Infos über Finanzen findet man inzwischen überall. Als ich um das Jahr 2000 anfing, mich mit Geld auseinanderzusetzen, gab es gefühlt nur Kostolanys Börsenweisheiten und Bodo Schäfers Tipps zur ersten Million – zwischen diesen Extremen habe ich mich durchmanövriert. (lacht) Ich finde super, dass es inzwischen so viele Angebote zur finanziellen Bildung für Frauen gibt. Doch in meiner Arbeit sehe ich, welch dickes Brett immer noch zu bohren ist, um gewisse gesellschaftliche Prägungen abzuschütteln. Frauen tun sich schlicht nach wie vor häufig schwer, für ihren Wert einzustehen. Das erkennt man schon beim Blick auf die Einkommensverhältnisse: Frauen verdienen statistisch immer noch weniger als Männer, gerade Mütter sind oft schon froh, wenn sie mit Kindern überhaupt arbeiten können. Das ist aus meiner Sicht eine schwierige Einstellung, weil sie Frauen davon abhält, selbstbewusste, mutige Entscheidungen für sich und ihr Geld zu treffen.

„Selbsteinschätzung ist gut, ausprobieren noch besser.“

 
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In einem viel geklickten YouTube-Vortrag sagst Du: „Ich will nicht nur Vorsorge, ich will Altersreichtum!“ Wie meinst Du das genau?
Gerade in der Female-Finance-Branche, über die wir gerade schon kurz sprachen, geht es sehr viel um Vorsorge. Das ist auch richtig und wichtig, und ich bin froh, dass das Thema in die Masse getragen wird. Mich ärgert allerdings, wenn wir Frauen wieder von vornherein kleingehalten werden. Warum reden wir nur davon, wie man Altersarmut für Frauen verhindert – aber erklären nicht, wie man echten Wohlstand aufbaut? Diese „Du musst dich absichern“-Panikmache klingt manchmal so, als ob Frauen mehr als das gar nicht schaffen könnten. Ich finde einfach, wir müssen jetzt mal die nächste Stufe zünden und Frauen ermutigen, sich viel höhere finanzielle Ziele zu setzen. Es kann nicht sein, dass es gesellschaft lich immer noch als unsympathisch gilt, wenn eine Frau für sich entscheidet: Ich möchte reich werden!

 

Das erste To-do klingt erst mal sehr langweilig: Ich rate immer dazu, eine ausführliche Vermögensübersicht zu erstellen. Was habe ich, welche Verbindlichkeiten durch Kredite etc. bestehen, wie groß ist mein Nettovermögen? Die meisten Leute können ihr Vermögen in etwa schätzen, aber ganz genau kann es kaum jemand beziffern. Im nächsten Schritt überlegt man sich: Wie viel Geld möchte ich wann haben? Um aus diesem Ziel Maßnahmen abzuleiten, hilft es sehr, ganz genau zu tracken, was im Monat ein- und ausgeht. Es reicht, das ein paar Monate lang zu machen, anschließend hat man eine sehr gute Idee davon, wohin das Geld geht. Und dann kann man beginnen, sich eine Strategie zurechtzulegen, mit der man das individuelle finanzielle Ziel erreichen kann. 

 

Es schwirren so viele Empfehlungen für den Vermögensaufbau durchs Internet – nach welchen Kriterien entscheidet man sich am besten für eine Anlagestrategie?
Das kommt aufs individuelle Ziel an. Wie viel ist da, was will ich erreichen, wie risikofreudig bin ich, welche Erfahrungen habe ich schon, was traue ich mir zu? Auch die Lebensphase spielt eine große Rolle: Im jungen Alter kann man risikofreudig agieren, wer auf die Rente zugeht, möchte sein Vermögen eher sicher anlegen. Man sollte sich also ehrlich fragen, wie viel Risiko man aktuell eingehen kann und will. Allerdings können die meisten Anleger das meiner Meinung nach erst wirklich einschätzen, wenn sie erste Erfahrungen gesammelt haben. Mein Tipp: Wenn man etwa noch nie Einzelaktien gekauft hat, würde ich immer mit einem kleinen Betrag anfangen und beobachten, wie sich das anfühlt. Es gibt Menschen, die halten sich für absolut risikofreudig – und geraten bei Börsenturbulenzen, wie wir sie Anfang April mit Trumps Zollkapriolen erlebt haben, unerwartet völlig in Panik. Ein anderes Beispiel: Wer nicht gern unternehmerisch denkt, für den wird die Aussicht, Mietimmobilien managen zu müssen, wenig spaßig sein. Vielleicht ändert sich das aber auch, wenn die erste Wohnung gekauft ist. Also: Selbsteinschätzung ist gut, ausprobieren noch besser.

 

Und wann sagst Du: Das ist ein Zeichen, dass man die Finger von einem Investment lassen sollte?
In nichts investieren, das man so gar nicht durchschaut. Ein Beispiel: Wenn man nach einem Jahr Rumspielerei mit Einzelaktien immer noch nicht versteht, wie die Börse funktioniert, dann sollte man in diesem Bereich die Investition im großen Stil lieber lassen.

 

„Man muss beim Investieren davon ausgehen, dass man auf jeden Fall Fehler machen wird.“

Mit dem eigenen Geld will man ja nichts „falsch“ machen. Wie findet man die Balance zwischen Risikofreude und Vorsicht? 

Ich sage immer: Man muss beim Investieren davon ausgehen, dass man auf jeden Fall Fehler machen wird. Den Gedanken finde ich sehr hilfreich – weil er die Angst davor nimmt, mal nicht die perfekte Entscheidung zu treffen. Außerdem finde ich die Frage hilfreich: Was ist das Schlimmste, was passieren könnte? Die Antwort gibt viel Aufschluss darüber, ob eine Anlage das Richtige ist.

 

Was sollte man finanziell geordnet haben, bevor man sich an Investments wagt?
Der berühmte Notgroschen sollte sicher auf dem Konto liegen – ein finanzielles Polster in Höhe von etwa drei bis sechs Monatsgehältern. Achtung, das ist nur ein grober Richtwert, und der Notgroschen muss selbstverständlich an die individuelle Lebenssituation angepasst werden; wer selbstständig ist, braucht mehr Rücklagen, Singles brauchen weniger als Familien und so weiter.

 

Welche Anlagefragen erreichen Dich aktuell am häufigsten?
Alles rund um den Umgang mit volatilen Märkten. Also: Wie geht man damit um, wenn das Depot plötzlich ganz anders aussieht, als man es zuletzt gesehen hat?

 

Was ist in solchen Situationen Dein Rat?
Ruhe bewahren. Aus diesem Grund ist eine jährliche Bestandsaufnahme über die eigenen Vermögensverhältnisse so wichtig: Wenn ich weiß, ich muss an mein Geld in den nächsten drei bis fünf Jahren nicht ran, dann tangieren mich Schwankungen an der Börse nicht so sehr. Kursstürze werden nur dann zum Problem, wenn man verkaufen muss. Wer am Aktienmarkt investiert, muss sich mit dem Gedanken anfreunden: Okay, ich muss es können, nicht ständig hinzugucken.

 

Aktuell gibt es einen großen Hype um die Idee, passives Einkommen zu generieren. Interessiert sich Dein Publikum dafür auch?
Ja, sehr, die Idee ist ja auch verlockend, quasi beim Nichtstun Geld zu verdienen. Mir ist aber wichtig, dass kein falscher Eindruck entsteht: Der Name trügt, um passives Einkommen zu generieren, muss man erst einmal sehr, sehr viel tun, damit Aufwand und Einkommen irgendwann im richtigen Verhältnis stehen.

 

Über welche Fehlinvestition hast Du Dich persönlich einmal besonders geärgert – und was hast Du daraus gelernt?
Ich habe Griechenland-Anleihen gekauft, als das Land schon kurz vor der Pleite stand. Ich dachte damals, ich sei schlauer als der Markt, und habe darauf vertraut, dass es schon keinen Staatsbankrott geben wird. Auch weil der damalige Finanzminister Wolfgang Schäuble dies zunächst darstellte. Das ist der größte Fehler, den man machen kann – zu glauben, man könne den Markt austricksen. Passiert einem aber auch nur einmal und nie wieder. (lacht)

 

Ein Vorurteil im Check: Investieren Frauen anders als Männer?

Ich kann die Frage nur anekdotisch beantworten, es gibt aber auch Studien, die meine Beobachtungen belegen: Männer sind risikofreudiger und eröffnen schneller Accounts und Depots; Frauen wollen häufig erst mal alle Details einer Anlage durchdringen, bevor sie sich dafür entscheiden – sind auf lange Sicht aber oft die besseren Anlegerinnen, weil sie bei Schwankungen gelassener bleiben.

3 Tipps von Tipps von Christiane von Hardenberg

Wie erkennt man in all dem Lärm um uns herum seine innere Stimme?

1. Tägliche Top-Infoquellen für Finanzthemen: Die „FAZ“ hat den besten Finanzteil (und das sage ich nicht nur, weil ich dort eine Kolumne schreibe); ich lese gern die „Financial Times“; und für praktische Tipps schaue ich bei finanztipp.de oder finanzfluss.de vorbei.

 

2. Tipp für den persönlichen Finanzcheck: Täglich muss man gar nichts tun. Einmal im Monat kann man eine Cashflow-Analyse machen, also Einnahmen und Ausgaben kontrollieren, wobei das über gewisse Perioden im Jahr ausreicht. Einmal im Jahr sollte man eine Nettovermögensübersicht erstellen. 

 

3. Inspiration bei spannenden Persönlichkeiten suchen: Für mich ist das zum Beispiel Coco Chanel. Sie hat uns Frauen gezeigt, dass Unabhängigkeit nicht nur eine Attitüde ist, sondern eine Entscheidung. Und das gilt auch für finanzielle Unabhängigkeit.

Weitere starke Frauen, die inspirieren. 

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Hier ein Auszug weiterer Protagonistinnen, die wir für unseren She’s Mercedes Newsletter interviewen durften:

  • Jasmin Eichler
  • Sue Giers
  • Stefanie Giesinger
  • Annica Hansen
  • Oona Horx-Strathern
  • Estelle Marandon
  • Guya Merkle
  • Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff
  • Henrike Redecker
  • Maria von Scheel-Plessen
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