Das Interview führte Claudia ten Hoevel, Fotos von Mercedes-Benz
Ein Interview mit Katrin Lehmann.
Katrin Lehmann ist Chief Information Officer von Mercedes-Benz – die Dimension dieser Aufgabe und ihre Ziele hat sie im Interview auf den Punkt gebracht: „Technologie allein verändert nichts, Menschen tun es. Für mich ist IT der unsichtbare Motor, der Kolleginnen und Kollegen in anderen Bereichen erst ermöglicht, Innovation und Wandel voranzutreiben.“ Wir haben mit der vierfachen Mutter und früheren Leistungsschwimmerin über Führung, ihre Strategien und den für Frauen immer noch ungewöhnlicheren Weg in die IT gesprochen.
Katrin, was begeistert Dich an Deiner Aufgabe als CIO von Mercedes-Benz am meisten?
Wenn Menschen weltweit an Deutschland denken, denken viele sofort an Mercedes-Benz – an technische Exzellenz, wegweisende Innovationen und den Mut, Mobilität immer wieder neu zu denken. Wir ermöglichen allen Abteilungen bei uns im Konzern, dass genau das so bleibt. Dass alle gemeinsam ihren Beitrag leisten, die begehrenswertesten Autos der Welt zu bauen, was ohne IT eben nicht möglich wäre. Und das tun mein Team und ich in einer Zeit des schnellsten technologischen Fortschritts und des gewaltigsten Wandels unserer Branche seit Erfindung des Automobils. Spannender geht’s kaum.
Was ist Deine persönliche Mission?
Technologie allein verändert nichts, Menschen tun es. Für mich ist IT der unsichtbare Motor, der Kolleginnen und Kollegen in anderen Bereichen erst ermöglicht, Innovation und Wandel voranzutreiben. Wir legen unseren Schwerpunkt auf fünf Themen. Erstens: Stabilität. Unsere Systeme müssen stabil laufen. Ohne Aussetzer, ohne Kompromisse, weltweit, rund um die Uhr. Das ist mal die Basis. Zweitens: Klarheit. Wir entrümpeln gerade unsere komplette IT-Landschaft, schaffen Dutzende Systeme und Programme aus Jahrzehnten ab und schaffen einheitliche Standards. Drittens: Freiraum. Weniger komplexe Systeme heißt mehr Raum für neue Technologien, insbesondere für künstliche Intelligenz. Viertens: Zusammenarbeit. Wir verbinden Menschen, Abteilungen, Prozesse in allen Mercedes-Standorten auf der Welt. Und fünftens: unser Team. Denn Innovation entsteht nicht durch Tools, sondern durch Talente. Durch Menschen, die mutig, kreativ und mit Leidenschaft gemeinsam an einem Ziel arbeiten: Mercedes-Benz digital neu zu denken und in die Zukunft zu führen.
Was braucht man als Führungskraft einer starken IT-Organisation eigentlich besonders?
Führung in der IT heißt für mich, Brücken zu schlagen zwischen Menschen, Technologien und Möglichkeiten. Ich setze dabei auf Offenheit, Vertrauen und echtes Teamplay. Offenheit heißt, eine Kultur zu schaffen, in der jede Stimme zählt und jeder die Vision kennt. Vertrauen heißt, loslassen zu können – damit Mut, Verantwortung und Lernen wachsen können. Und das Wichtigste: das Wir. Denn in einer globalen IT geht es nicht um Einzelne, sondern um das Zusammenspiel. Nur wenn aus „IT“ ein „WeT“ wird, können wir Zukunft mit Leidenschaft gestalten.
Welche Rolle spielt die IT in den Fahrzeugen von morgen?
Wer die Tür eines Mercedes schließt, öffnet das Internet. Ein Mercedes war noch nie nur ein Lenkrad mit vier Rädern, sondern immer schon ein Zuhause. Umso wichtiger wird IT heute im Auto, wenn wir in einer komplett digitalen Welt unterwegs sind. Unsere Entwickler arbeiten jeden Tag daran, Software zu schaffen, die das Fahrerlebnis völlig neu definiert. Nehmen wir zum Beispiel unseren neuen CLA: Dort schlägt mit MB.OS unser eigenes Software-Herz. Das bedeutet, dein Auto wird immer smarter – es erhält Updates ganz einfach „over the air“ und passt sich dank integrierter KI persönlich an dich an. Wie kann man sich das vorstellen, wenn man (noch) keinen Mercedes hat? Unser MBUX Virtual Assistant ist mehr als eine Sprachsteuerung, er ist wie ein digitaler Begleiter und Freund. Er versteht natürliche Sprache, reagiert intuitiv und lernt mit jeder Fahrt dazu. Stell dir vor, dein Mercedes weiß so gut, was du brauchst, dass er dir vorschlägt, eine Pause mit einem Kaffee einzulegen, noch bevor du selbst daran gedacht hast. Und das ist nur eins von vielen Beispielen.
Wie förderst Du Innovation und Neugier im Team?
Innovation braucht Neugier – und Neugier braucht Zeit. Deshalb haben wir die „DEAL Hour“ eingeführt: Jeden Freitag nehmen wir uns bewusst eine Stunde, in der keine Mails, keine Meetings, kein Projektplan zählen – sondern nur das Lernen. Neue Technologien, neue Methoden oder einfach ein Perspektivwechsel: Es geht darum, offen zu bleiben und gemeinsam zu wachsen. Dazu kommt Reverse Mentoring. Führungskräfte lernen von jungen Talenten – und umgekehrt. Ich mache selbst aktiv mit, weil ich überzeugt bin: Wer führt, muss auch zuhören können. So entsteht eine Lernkultur, in der Neues nicht verordnet wird, sondern entsteht – aus Austausch, Vertrauen und echtem Interesse.
;Resize=(600,450))
;Resize=(600,450))