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Was braucht ein Ort, an dem Innovation entsteht?

Ausgabe 8/2020.


Was braucht ein Ort, an dem Innovation entsteht?

Ausgabe 8/2020.

Liebe She´s Mercedes Community,

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Louisa Löwenstein (links) mit Autorin Nora-Vanessa Wohlert. Foto: Holger Talinski.

Liebe She´s Mercedes Community,

wenn ich zum Denken den Ort wechsle, sehe ich oft klarer.Besonders die Luft auf dem Land lässt mich anders auf die Dingeblicken. Immer mehr Großstädter*innen und Unternehmen zieht es deshalb raus in die Natur – zumindest für ein paar Tage. Ist Denken auf dem Land einfacher? Und wenn ja, wie kommt das? Ich habe die Innovations- und Unternehmensberaterin Louisa Löwensteingetroffen. Sie lebt und arbeitet in beiden Welten: mitten in Berlin und da, wo es in Brandenburg noch richtig ruhig ist, im Ruppiner Seenland. Hier liegt Vielitz, ein 250-Seelen-Dorf.

Vor vier Jahren entdeckte Louisa mit ihrem Mann und Geschäftspartner Caspar Schmick den Vierseitenhof, wo all das wahr wurde, was sie sich vorgestellt hatten. Schon viel früher, vor elf Jahren, als es in Brandenburg noch keinerlei Orte gab, an die Unternehmen aus der Großstadt pilgerten, schrieb Louisa das erste Konzept für The Vield, dem Offsite-Innovation-Space, der hier entsteht und den Teams nutzen, um außerhalb ihrer gewohnten Räumlichkeiten und fernab vom Tagesgeschäft an ihrer Strategie zu arbeiten.

Louisa geht es nicht nur um den Ort, die Location und das Konzept der Räume – mit Design Thinking, Storytelling und Strategie begleitet sie die Teamprozesse auch, am liebsten schon weit im Vorfeld des geplanten Offsites und danach. Etwas, das gerade nach diesem Jahr besonders viele Unternehmen brauchen werden, um unter den veränderten Umständen wieder zusammenzufinden, ihre Kultur neu zu sortieren und sich an das „neue Normal” anzupassen. Doch wie genau gelingt es, das geflügelte Wort Innovation nachhaltig umzusetzen? Darüber, und über das, was sich dieses Jahr außerdem verändert hat und verändern wird, sprechen Louisa und ich bei einem Spaziergang durch das beschauliche Dörfchen.

Viel Spaß beim Lesen und Lernen.
Nora

Über die Autorin Nora-Vanessa Wohlert.

Über die Autorin Nora-Vanessa Wohlert.

Nora gründete 2014 gemeinsam mit Susann Hoffmann EDITION F, das digitale Zuhause für Frauen, das täglich mit hintergründigen und spannenden Inhalten im Magazin inspiriert. Mit Events wie dem 25 Frauen Award oder der Konferenz FEMALE FUTURE FORCE DAY auch offline. Nora studierte Publizistik und Politikwissenschaften und wohnt in Berlin.

„Kultureller Wandel ist nicht etwas, das du aufschreibst und das dann von selbst kommt. Kultureller Wandel, das ist Arbeit!“

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Foto: Holger Talinski.

„Kultureller Wandel ist nicht etwas, das du aufschreibst und das dann von selbst kommt. Kultureller Wandel, das ist Arbeit!“

Nora-Vanessa Wohlert.

Etwa 60 Minuten Autofahrt von Berlin entfernt, es ist sehr ruhig an diesem Morgen im August. Ab und zu ein Kinderlachen, Vogelgezwitscher, in der Ferne ein Auto, das über die kopfsteingepflasterte Straße schleicht. Seit drei Jahren befindet sich hier das zweite Zuhause und auch der Arbeitsplatz von Louisa Löwenstein und ihrer Familie mit zwei Kindern im Kita-Alter. Den Wunsch, Arbeit und Leben sowie Stadt und Land selbstverständlich zu integrieren, hatte Louisa schon lange.

Das Konzept von The Vield entstand mit Hilfe jahrelanger Bedürfnis- Recherche. Was bräuchte ein Ort, an dem Innovation entsteht, wirklich? Gemeinsam mit einer Klasse am renommierten Hasso-Plattner-Institut und der School of Design Thinking, an der Louisa lehrt, ist sie dieser Frage auf den Grund gegangen. „Wir wollen es anders machen als klassische Retreats oder Konferenzhotels, die Weite des ländlichen Raums verbindet sich bei uns mit einer besonderen Team-Experience. Der nicht vorhandene Konferenztisch ist nur ein Ansatz von vielen. Bei uns wird zum Beispiel auch kein Alkohol getrunken. Wir fordern es heraus, alte Arbeitsweisen zu hinterfragen“, sagt Louisa.

„Hier soll wirklich etwas entstehen. Etwas, das bleibt“, das ist Louisas Mission. Damit das, was bleibt, am Ende nicht nur eine Sammlung bunter Post-its und ein paar gemeinsamer Tage auf dem Land ist, arbeitet Louisa, wenn es geht, am liebsten schon im Vorfeld mit den Unternehmen zusammen. Und je nach Fragestellung begleitet sie mit ihrem Netzwerk auch im Anschluss den Prozess des Wandels. „Kultureller Wandel ist nicht etwas, das du aufschreibst und das dann von selbst kommt. Kultureller Wandel, das ist Arbeit!“, sagt sie.

Die Mischung aus Landleben und stilvoller Atmosphäre lässt mich direkt runterfahren. Und zum See sind es nur drei Minuten. Der Innovation Space ist fast fertig, bald schon sollen erste Teams zu Gast sein. Das ursprüngliche Flair des Kuhstalls aus dem Ende des 19. Jahrhunderts, in dem das zweistöckige Space entstanden ist, ist noch immer spürbar. Altes und Neues wird hier bewusst miteinander verbunden. Designer-Stühle paaren sich zu Sesseln, stehen neben Stehtischen und einer ganzen Menge Whiteboards.

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Foto: Holger Talinski.

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„Im oberen Stockwerk können die Teams in kleinen Schlafkojen schlafen, alle in einem Raum und trotzdem gerade privat genug”, sagt Louisa. Die Kojen sind inspiriert von japanischen Kapselhotels. Das große Kaminzimmer im Obergeschoss verfügt über einen WLAN- Störer und fordert so zur direkten Kommunikation auf. Es gibt noch ein paar weitere Räume, in denen man noch etwas privater schlafen kann.

Innerhalb der Mauern einer alten Ruine auf der Hinterseite des Stalls befindet sich ein Garten als Rückzugsort im Freien. Dort wächst wild, was wachsen möchte. Rote Klinkersteine, raue Wände, Stein, Sichtbeton und Glas dominieren die Architektur. Im Erdgeschoss befindet sich in einem großzügigen Raum die offene Küche, es gibt keine Konferenztische: „Die besten Ideen entstehen nicht beim Sitzen am Tisch. Deshalb gibt es nicht mal einen klassischen Esstisch. Gegessen wird auf Bänken in einem umgebauten Trinkkrug“, erklärt Louisa. „Manchmal muss man Menschen dazu zwingen, aus den gewohnten Pfaden auszubrechen. Und nicht beim Sitzen am Tisch in den alten Büroalltag zu verfallen.“

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Louisa mit ihrem Mann und Geschäftspartner Caspar Schmick. Foto: Holger Talinski.

Louisas Ansatz und Methoden als Beraterin und Coach sind so vielfältig wie ihr eigener Lebenslauf: Geboren ist sie auf Haiti, wo ihre Eltern in der Entwicklungshilfe arbeiteten. Sie wuchs zwischen sechs Schwestern auf dem Land auf. Zum Studium der Islamwissenschaften und Judaistik landete sie an der Freien Universität in Berlin, wo sie die Großstadt lieben lernte. Vor einigen Jahren absolvierte Louisa außerdem eine Stipendien-Ausbildung zur Drehbuchautorin an der Drehbuchwerkstatt der Filmhochschule München. Nach dem Studium arbeitete sie zunächst als Journalistin, wechselte dann in den Agenturbereich und produzierte später mit ihrer eigenen Agentur Medienformate wie Magazine, Kommunikationskampagnen und Filme. All diese Stationen ihres Lebens flicht Louisa in ihre heutige Arbeit mit ein. Der Wunsch nach einem passenden Ort für ihre Arbeit wurde immer größer. Jetzt ist der Ort, der hier entsteht, auch Zeugnis ihrer vielen Erfahrungen.

Wir laufen vom Hof über die Kopfsteinpflasterstraße und schließlich über grüne Wiesen zum See. Louisa barfuß, ich noch ziemlich städtisch in Turnschuhen. Eigentlich sollte The Vield schon im Frühling eröffnet werden. Doch die vergangenen Monate wirbelten auch Louisas Leben ganz schön durcheinander. Plötzlich stand die Baustelle still, die Eröffnung verzögerte sich. „2020 ist für uns jetzt das Testjahr. Es ist noch nichts ganz fertig, aber wir wollen im Prozess lernen und Dinge verändern. Genau wie die Teams, die bei uns zu Gast sind“, so Louisa. Work in Progress wird zum Programm.

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Foto: Holger Talinski.

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Auch die Kita schloss und Louisa war wie zahlreiche andere Eltern gemeinsam mit ihrem Mann plötzlich Vollzeit-Gründerin und Vollzeit- Elternteil in einem. Es zeigte sich, dass sich nicht nur in den Kulturen zahlreicher Unternehmen etwas wandeln muss. Vor allem Eltern bringt die Doppelbelastung von Arbeit und Vollzeit-Kinderbetreuung oder Home Schooling an die Grenzen des Möglichen. Eine Lobby für Eltern fehlt fast vollständig.

So entschied Louisa im April, gemeinsam mit fünf Mitstreiter*innen die Initiative #elterninderkrise zu starten. Sie machen auf die Vernachlässigung von Eltern und Kindern in der Coronakrise aufmerksam und fordern in einem offenen Brief an die zuständigen Politiker*innen seit Monaten tragfähige Lösungen von der Politik. „Seit Jahren war das System schon am Rande der Belastung. Jetzt ist es kollabiert“, sagt Louisa. Hunderte Eltern haben ihr in den vergangenen Monaten verzweifelte Mails gesendet, vor allem Frauen sind betroffen, viele berichten davon, ihre Jobs verloren zu haben.

Ein Gespräch mit Familienministerin Dr. Franziska Giffey gab es bereits. „Wir wollen, dass die Anliegen von Eltern und Kindern da behandelt werden, wo sie hingehören: Im Wirtschaftsministerium und im Gesundheitsministerium, beim Minister für Finanzen und im Bundeskanzleramt – und nicht weiter nur ins Familienministerium abgeschoben werden“, sagt Louisa. „Wir haben ein System gebaut, das nicht krisenfest ist. Das muss sich jetzt ändern. Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, dass Eltern und Kinder eine hohe Priorität haben und nicht mehr vergessen werden.“

Newsletter Aug 6

Foto: Holger Talinski.

Wir sitzen eine Weile auf dem Steg und ich bekomme das erste Mal seit Monaten wieder das Gefühl von offenem Denken. Die Landluft wirkt also. Ziemlich viel Wandel bringt das Jahr 2020 und auch ziemlich viel muss noch passieren. Louisa lebt diese Prozesse, das spüre ich in jedem ihrer Sätze. Als ich mich wieder zurück auf den Weg in die Stadt mache, denke ich auf der Autofahrt darüber nach, dass wir alle wirklich anfangen müssen, zukunftsorientiert an den Herausforderungen eines im Wandel befindlichen (Arbeits-)alltags zu arbeiten. Von Louisa habe ich heute gelernt: „Wandel kommt nicht von selbst. Wandel ist Arbeit.“

Louisas fünf Impulse für anderes Arbeiten beim Team-Offsite.

Louisas fünf Impulse für anderes Arbeiten beim Team-Offsite.

  • Die Arbeit lässt sich nicht auf das Team-Offsite beschränken. Sie muss davor beginnen und danach weitergeführt werden.

  • Es hat zentrale Bedeutung, den Ort zu wechseln und einen Ort zu finden, der anderes Arbeiten auch wirklich möglich macht. Erst, wenn Teams den Konferenztisch verlassen, kann etwas Neues entstehen. Der Blick aufs Wasser und die Weite auf dem Land helfen zusätzlich.

  • Die Arbeit sollte unbedingt von außen begleitet werden, nur durch den externen Blick lassen sich eingeschlichene Teamdynamiken neu sortieren.

  • Interdisziplinäre Teamzusammensetzungen helfen, um umzudenken und auf neue Ideen zu kommen.

  • Dinge unfertig auszuprobieren ist eine große Chance. Sie lassen sich im Ausprobieren oft am besten zu Ende denken.