Prof. Dr. Christine Laudenbach Foto: Fritz Philipp Photography

„Das Thema Finanzen ist so wichtig, dass es egal ist, ob es Dir Spaß macht."

Mehr Lust auf Finanzthemen!

Das Interview führte Friederike Trudzinski

Ein Interview mit Christine Laudenbach.

Wir wollen heute übers Investieren sprechen. Viele Frauen können es nicht mehr hören, dass ihnen gesagt wird, sie setzten sich nicht genug mit Geld auseinander. Können wir dem Gespräch ein positiveres Narrativ geben?

Über die eigenen Finanzen nachzudenken, ist für unser Leben so wichtig, dass es ziemlich egal ist, ob man Lust darauf hat oder nicht. Natürlich ist viel im System, was uns als Frauen benachteiligt. Keine Frage. Aber es gibt einfach Dinge im Leben, die sind so essenziell, die kann ich nicht einfach wegdelegieren: die Gesundheit etwa, aber eben auch die Finanzen. Das andere ist: Warum sollen wir die positiven Effekte den Männern überlassen?


Wie bist Du selbst zum Thema Finanzen gekommen?

Ich habe in der Schule eine Berufsberatung gemacht. Und der Berufsberater hat gesagt, dass es eine Uni in Frankfurt gibt, wo man gleichzeitig eine Bankausbildung machen und Finanzwirtschaft studieren kann – aber, dass Mädchen die Aufnahmeprüfung dort nie schaffen würden. Daraufhin wollte ich es unbedingt probieren. So bin ich beim Banking gelandet.
 

Aus Trotz sozusagen?

Ja, das war oft mein Antrieb, tatsächlich. So bin ich dann bei der Bank gelandet, habe die Ausbildung gemacht und schon bald gemerkt, dass ich nicht für den Rest meines Lebens dort arbeiten möchte. Ich wollte promovieren – auch um Zeit zu gewinnen, um darüber nachzudenken, was ich eigentlich will. Aber dann bin ich glücklicherweise bei meinem Doktorvater gelandet und bei der Verhaltensökonomie. Und das Thema hat mich sofort gecatcht. Die Frage, wie Menschen im Alltag Entscheidungen treffen, finde ich total faszinierend. Und das gilt besonders für Geldentscheidungen.

 

Wieso?

Wir versuchen, beim Geld die Emotionen wegzurationalisieren, was völlig absurd ist. Denn Geldentscheidungen gehören zu den emotionalsten Entscheidungen überhaupt. Da geht es um unsere Träume, um Fragen wie: Wie will ich leben? Was kann ich mir ermöglichen?

„Ich bin aus Trotz beim Thema Geld gelandet.“

Prof. Dr. Christine Laudenbach sitzt in einem Sessel und hebt fragend ihre Hände und schmunzelt dabei.

Wie kam der Genderschwerpunkt dazu?
Na ja, ich habe in einer Bank gearbeitet, die Frauenquote war sehr gering in der Wissenschaft, dazu die ganzen Themen, die Dir im Alltag so begegnen. Das hat mich einfach tierisch genervt. Am Anfang haben Leute mir sogar geraten, ich soll auf gar keinen Fall Genderthemen machen, damit gelte man als „schwierig“, bekäme keinen Job mehr. Auf so was reagiere ich aber eher mit rebellischem Verhalten. Und dann habe ich einen coolen Datensatz gefunden, bei dem es um Finanzberatung ging: Und da haben wir gesehen, dass Frauen in der Finanzberatung diskriminiert werden, höhere Preise zahlen. Und das waren aktuelle Daten. Ich wollte verstehen, wie das noch möglich ist.

 

Dazu kam, dass ich gemerkt habe, dass ich in dem Feld vieles positiv verändern kann. Frauen sagen ja immer noch häufig: Finanzen sind kompliziert, das ist nichts für mich.
 

Wie kommen wir da raus?
Vielen hilft es, sich in der Gruppe mit Finanzen zu beschäftigen, mit Freundinnen. Wie wenn man mit dem Joggen anfängt. Außerdem hilft es, den eigenen Sweetspot zu suchen: Das kann eine Freundin sein, die sich besser auskennt, oder ein Podcast mit einer Hostin, die mir sympathisch ist. Und wer das Gefühl hat, sich selbst mit Finanzen ganz gut auszukennen, kann selbst einen Beitrag leisten. Ich finde, da gibt es auch eine gesellschaftliche Verantwortung, die ich auch als Frau übernehmen kann. Es ist ja nach wie vor so, dass Töchter weniger Informationen kriegen als Söhne. Das wollen wir doch auch nicht. Ich glaube, das kann heute ein Motiv sein.
 

Wie lege ich konkret los, wenn ich das Thema bisher gemieden habe?
Mit einer Bestandsaufnahme. Es gibt ja immer noch viele Frauen, die gar nicht genau wissen, was sie überhaupt an Vermögen haben, an Einkommen, welche Konten, welche Versicherungen … Das ist wirklich erstaunlich. Der nächste Schritt wäre, Geld häufiger zum Thema zu machen. Das durchdringt ja eigentlich alle Lebensbereiche. Ich habe so eine WhatsApp-Gruppe mit Mädels. Da kam irgendwann mal die Frage auf: Wisst Ihr eigentlich, wie viel Ihr pro Monat für Lebensmittel ausgebt? Eine war völlig geschockt, weil sie festgestellt hat, dass ihre Kinder immer mit Freunden Pizza bestellen und so einen Kostenberg verursachen. Das hatte sie einfach nicht auf dem Schirm. Sie wunderte sich bloß, wo das ganze Geld hinging. Wenn man eine Gruppe hat, mit der man offen über Geld spricht, dann kommt man irgendwann auch zu den schwereren Themen: Testament, Patientenverfügung, Lebensversicherung. Aber je selbstverständlicher wir uns darüber austauschen, umso leichter fällt es, sich Hilfe zu suchen. Viele der Frauen, die wir in der Forschung in Interviews hatten, berichten, dass sie irgendwann auch zu männlichen Kollegen gegangen sind und gesagt haben: Hey, investierst Du eigentlich? Mich interessiert das, kannst Du mir ein paar Tipps geben?

 

Das Ziel ist also erst mal, Geld selbstverständlicher zum Gesprächsthema zu machen?
Genau. Häufig denken Leute ja, wenn ich dieses Thema anfasse, muss ich auch sofort ganz viel umsetzen. Aber man kann ja auch einfach erst mal sammeln. Das Problem bei Frauen ist allerdings häufig, dass sie zu lange sammeln und denken, sie hätten noch nicht genug Wissen. Und dann kommt der Alltag dazwischen. Ich habe mit so vielen Frauen an Netzwerkabenden und Veranstaltungen Depots eröffnet, live. Ich mache ja gar keine Finanzberatung. Aber es ist oft dieser eine Schritt. Andere hängen irgendwo im Prozess fest. Eine hat es mir gesagt, sie habe jetzt schon seit einem halben Jahr viele Tausend Euro auf dem Cashkonto ihres Depots liegen – aber könne sich einfach nicht entscheiden, welche Anlage sie wählen soll. Und dann komme ich mit meinem Shampoo-Beispiel …

 

Das musst Du erklären.
Wenn man mal überlegt, wie viele Kosmetika man sich schon gekauft hat, die bestimmt auch mal teuer waren, die man am Ende kaum benutzt hat, weil sie furchtbar riechen oder weil der versprochene Effekt einfach nicht auftrat. Stell Dir vor, Du hättest die 50 Euro für dieses Shampoo, diese Creme einfach mal in einen ETF gesteckt … Selbst wenn es bei null Rendite geblieben wäre, hättest Du mehr davon gehabt. Es kann also gar nicht viel schiefgehen. Bei der Geldanlage haben wir oft so ein Casino-Denken: Als würden wir da mit 100 Euro reingehen, und dann ist es plötzlich null. So ist es ja nicht. Ich kann ganz klein anfangen und gucken, wie ich mich damit fühle.

„Frauen zahlen höhere Preise in der Finanzberatung – ich wollte verstehen, wie das noch möglich ist.“

Prof. Dr. Christine Laudenbach steht in einem hellen Kleid in einem leeren Hörsaal.

 

Vielleicht haben wir auch in die andere Richtung Casino-Erwartungen – und sind enttäuscht, wenn wir zunächst nur ein paar Cent Rendite sehen.
Dann denk an dein Shampoo. Da wäre dein Geld ganz weg. Man muss sich vergegenwärtigen, dass es beim Investieren um lange Zeiträume geht. Eine meiner besten Freundinnen hat angefangen zu investieren. Am nächsten Tag hat sie mir eine WhatsApp mit einem Screenshot geschickt: Ich habe schon 25 Euro verloren! So darf man das nicht betrachten. Du investierst für die nächsten 30 Jahre und nicht von gestern auf heute. Da brauchst Du Geduld.
 

In den letzten Jahren ist viel passiert, was Finanzbildung für Frauen angeht: Podcasts, Vorträge, Bücher … Hat die Aufklärungsarbeit schon etwas bewirkt? Was sagen die Daten?
Laut dem Deutschen Aktieninstitut sind letztes Jahr zum ersten Mal mehr neue Investorinnen als Investoren dazugekommen. Der Gendergap ist aber immer noch groß. Und abgesehen vom Vermögen: Männer verfügen auch immer noch über das größere Finanzwissen. Aber die Frauen wissen deutlich mehr, als sie denken. Das Problem ist, dass allgemein völlig überschätzt wird, was man wissen muss. Da herrscht dieser Mythos: Leute denken, man kann Kurse vorhersagen, man kann richtig gute Aktien auswählen, die dann garantiert gut performen. Aber das stimmt alles nicht. Das Beste ist wahrscheinlich, was Warren Buffett sagt: 99 Prozent der Menschen tun am besten daran, wenn sie einfach in breit gestreute ETFs investieren und gar nicht versuchen, irgendwelche einzelnen Unternehmen zu tracken.
 

Klingt ziemlich entlastend.
Ja, aber das muss man halt wissen. Und das ist tatsächlich auch der Grund, warum Frauen – dazu gibt es Studien, etwa von Trade Republic –, wenn sie investieren, erfolgreicher sind, weil sie breiter streuen und nicht ständig ihr Portfolio verschieben: Das ständige Kaufen und Verkaufen verursacht ja auch Kosten.
 

Männer investieren eher in Einzelaktien?

Ja. Wobei, man kann auch mit ETFs versuchen, die allgemeine Marktentwicklung zu schlagen, indem man ständig umschichtet. Aber neben den Tradingkosten stellt sich ja auch die Frage: Steigst Du zu einem guten Zeitpunkt ein oder aus? Männer glauben tendenziell, dass man das timen kann. Aber das stimmt nicht.

 

Es ist also egal, wann ich einsteige?
Am besten immer gestern. Wir können einfach nicht zuverlässig voraussagen, wann eine Aktie einen Höchst- oder Tiefpunkt erreicht. Das sehen wir immer erst im Nachhinein.

 

„Finanzielle Stereotype werden gebildet, bevor wir 12 Jahre alt sind.“

Es gibt ja diesen Spruch: In Krisenzeiten werden Millionäre gemacht. Ist da also auch nichts dran?

Mein Doktorvater hat mal einen Vortrag gehalten. Das Thema: investieren vor der Krise, in der Krise und nach der Krise. Auf seiner ersten Folie stand: The same. Auch den Cost-Average-Effekt gibt es gar nicht.

Den Begriff musst Du erklären.
Stell dir vor, Du hast jetzt 5.000 Euro. Und die Frage ist: Investiere ich die jetzt sofort oder zum Beispiel jeden Monat 100 Euro, bis die 5.000 komplett sind, um so das Risiko zu minimieren, im falschen Moment eingestiegen zu sein. Das Problem ist: Du weißt erst im Nachhinein, welche Strategie besser gewesen wäre. Wenn deine Psyche es aber nicht aushält, das Geld auf einmal zu investieren, kannst Du das als Argument benutzen, den Einstieg zu streuen. Es ist aber nicht grundsätzlich sinnvoller.

 

Damit sind wir wieder bei den Gefühlen, die unsere Entscheidungen prägen. Gibt es eine Entwicklung im Zusammenhang mit den Finanzmärkten, die Dich begeistert?
Die Werbung rund um Finanzprodukte: „Retire Rich“, „Trade Wife“ oder das Cher-Zitat „Mom, I am a rich man!“ Diese Sprüche zeigen den Spirit, den wir in dem Bereich brauchen. Die Börse hatte lange etwas sehr Spezielles, Klientelhaftes. Ich meine, Du sitzt da, umgeben von Anzugträgern in einer sehr konservativen Umgebung, dazu die vielen Fachbegriffe, das ist alles sehr männlich geprägt. Völlig verständlich, dass man das nicht mit Spaß verbindet. Du kannst Finanzen aber auch ganz anders machen!

 

Wie investierst Du eigentlich selbst?
Mein vernünftiges Ich investiert ganz langweilig: breit gestreute ETFs. Das ist der Großteil. Dann habe ich ein ganz, ganz kleines bisschen Krypto, aber nicht viel. Eher aus Neugierde. Und dann habe ich angefangen, in Start-ups zu investieren, in ganz kleinem Umfang. Sonst bräuchte ich einen ganz anderen finanziellen Background. Aber ich finde es spannend, Unternehmerinnen und Unternehmer zu begleiten.

3 Tipps von Christine Laudenbach

Dinge, die ich von Menschen mit gutem Money-Mindset lernen kann.

1. Sie erkennen an, dass ihr Umgang mit Geld nicht immer rational ist. Es ist okay, Fehler zu machen. Wir dürfen uns sogar bis zu einem gewissen Maß unvernünftig verhalten.

 

2. Sie setzen sich mit ihrem eigenen Verhältnis zu Geld auseinander. Ganz viele Überzeugungen kommen aus der Prägung in der Kindheit. Finanzielle Stereotype werden gebildet, da ist man unter 12. Wer die eigenen Prägungen versteht – hat Geld für mich eine positive oder eine negative Konnotation – , kann immer noch entscheiden, ob er dagegen arbeiten möchte oder nicht.

 

3. Sie akzeptieren, dass die Auseinandersetzung mit Geld Zeit braucht. Dass es nicht immer Spaß machen wird. Aber dass man dafür eben sehr viel Freiheit gewinnt. Finanzielle Abhängigkeit wird ja oft genau dann erlebt, wenn es uns schlecht geht: ein krasses Lebensereignis, Krankheit, Trennung … Da kann man Geldsorgen am wenigsten gebrauchen. Das zu verstehen, ist vielleicht ein gutes Argument, um das Thema anzufassen, wenn es einem gut geht.

Weitere starke Frauen, die inspirieren. 

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Hier ein Auszug weiterer Protagonistinnen, die wir für unseren She’s Mercedes Newsletter interviewen durften:

  • Jasmin Eichler
  • Sue Giers
  • Stefanie Giesinger
  • Annica Hansen
  • Oona Horx-Strathern
  • Estelle Marandon
  • Guya Merkle
  • Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff
  • Henrike Redecker
  • Maria von Scheel-Plessen
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