Caro Wahl steht auf einem Grashügel im Wind. Der Himmel ist blau und der Wind kommt ihr entgegen.

Das Ziel ist der Weg. 

Von Caro Wahl.

Mein erstes Auto war ein schwarzes Mercedes-Benz SLK Cabrio, Erstzulassung 2006.

Vor drei Jahren habe ich mir den Wagen gekauft, das Erste, was ich mir von meinem Vorschuss gegönnt habe, und da wusste ich noch gar nicht, dass das die beste Entscheidung meines Lebens (nach 22 Bahnen schreiben) war. Ich war 28 Jahre alt und hatte vorher nie ein eigenes Auto besessen, weil ich keins brauchte und mir auch keins leisten konnte. Und vor allem, weil ich Angst vor dem Autofahren hatte. Zehn Jahre lang bin ich kein einziges Mal am Steuer gesessen.

„Das ist ein Klassiker, Caro.“

Aber nach diesem ersten Jahr als Autorin, in dem ich viel unterwegs war, kreuz und quer durch Deutschland, habe ich gemerkt, dass ein Auto schon auch mal praktisch wäre und dass ich nicht mehr so eine Schisserin sein will. Mein Bruder Uli, der beruflich mit Autos zu tun hat, sollte mir helfen, eins auszusuchen. Meine Vorgaben: ein nicht so alter italienischer Kleinstwagen, gerne knallige Farbe, Getränkehalter wäre cool. Uli suchte ein paar Wagen aus, die wir uns anschauten, bestand aber darauf, dass wir auch einen Mercedes-Benz SLK Probe fuhren. „Das ist ein Klassiker, Caro.“

 

Ich fand das unnötig, weil ich ja ein eher neueres Auto wollte, und auf keinen Fall ein schwarzes Cabrio. Dann schauten wir uns den Wagen an, es war Liebe auf den ersten Blick und ich kaufte den Mercedes-Benz.



Innesicht aus eine Mercedes-Modell mit göffneter Tür. Neben dem Auto steht Caro Wahl in der Natur.

Ich fühlte mich mutig, frei und unabhängig.

Es war so aufregend, das Auto abzuholen, dann zu sehen, wie es vor dem Haus stand, als ich aus dem Fenster hinunter auf die Straße schaute, wo es auf mich zu warten schien – mein Auto. Wir näherten uns einander an während kürzerer Fahrten zum Supermarkt oder an den See, bis dann die erste lange Tour von Stuttgart nach Rostock anstand. Am Tag zuvor überprüfte ich mehrmals den Reifendruck, saugte noch mal durch, kaufte Getränke, hängte einen Duftbaum an den Rückspiegel, suchte ein Hörbuch aus, erstellte eine Playlist und war insgesamt sehr aufgeregt. 

 

Nervös stieg ich am nächsten Morgen ins Auto, war erleichtert, dass immerhin nur ein Stofftier neben mir saß und nicht mein Fahrlehrer, und als ich erfolgreich auf die Autobahn aufgefahren war, die ersten Kilometer hinter mir lagen und ich dann auch noch die Spur wechselte, um einen knalligen Kleinstwagen zu überholen, lachte ich auf. Die Angst war verpufft! Ich hatte mich noch nie im Leben zuvor so erwachsen gefühlt. Ich drehte die Musik auf, zog einen Energydrink aus der Mittelkonsole und nahm einen tiefen Schluck.

 

Da breitete sich ein anderes, neues Gefühl im Bauch aus, das ich in der Form noch nicht kannte. Ich fühlte mich mutig, frei und unabhängig. Wälder, Felder und Städte zogen an mir vorbei, ich las die Namen, die auf den blauen Schildern standen, Würzburg, Jena, Berlin, und dachte: krass, da kann ich überall hinfahren. Ich mache es zwar nicht! Aber ich könnte! Ich könnte sogar Grenzen passieren und nach Prag oder Stettin fahren. Ich mache es nicht. Aber ich könnte. Und vielleicht mache ich es irgendwann mal.

Caro Wahl sitzt in einem schwarzen AMG Carbrio und fährt unter blauem Himmel mit offenem Verdeck.

 

Samara, die Heldin meines neuen Romans 1999 Meter über dem Meer, bekommt von ihrem Vater, einem Automechaniker, zum Studienabschluss ein Auto, einen alten schwarzen Mercedes-Benz SL, Erstzulassung 1999 - auch ein Cabrio! - geschenkt, kurz bevor sie für ihren ersten richtigen Job nach Berlin zieht, dabei braucht man in Berlin ja gar kein Auto.


„Falls du mal schnell wegmusst.“, sagt der Vater. Samara, eine angepasste, fleißige junge Frau, ist vor der ersten Fahrt nach Berlin ähnlich ängstlich und nervös, wie ich es vor meiner Fahrt nach Rostock war, aber als sie dann auf der Autobahn fährt, checkt sie wie ich, dass sie da einer neuen Lebensform auf der Spur ist, sie fühlt sich mutig, frei und unabhängig und sie liebt die Autobahn.

Die Autorin Caro Wahl steht auf einem Parkplatz an einer Küsten neben einem schwarzen Mercedes-Benz.

Drei Jahre nach meinem ersten schwarzen Mercedes-Benz Cabrio sitze ich wieder in einem schwarzen Mercedes-Benz Cabrio, diesmal AMG CLE.

Erstzulassung 2026, Kennzeichen S US 1999, denke daran, wie Sam in die Berge fährt und dort alle an der Nase herumführt, und lächle. Eigentlich sollte ein anderes Kennzeichen an dem Cabrio, mit dem ich u.a. auf Lesereise mit Sam und 1999 Meter über dem Meer gehen werde, befestigt sein, ein Full Circle Moment-Kennzeichen quasi. Aber dann wurde „im Prozess festgestellt, dass das Wunschkennzeichen gefahndet wird“! Noch mehr Full Circle Moment! Was hat meine Hochstaplerin denn jetzt schon wieder angestellt? „SUS!“, rief ich aus, als wäre ich zehn Jahre jünger.

 

Ich lächle und denke daran, dass ich im Oktober mit dem Cabrio über den Julierpass nach St. Moritz fahren werde, frage mich, ob es da schon nach Schnee riechen wird. Vielleicht mache ich das Dach auf, wenn ich über den Pass fahre?

In meinen Zwanzigern, nachdem ich bei meinen Eltern ausgezogen bin, war ich immer auf der Suche nach einem Zuhause oder zumindest nach einem Ort, an dem ich mal länger bleiben wollte. Ich habe beobachtet, wie meine Altersgenossen um mich herum irgendwo ankamen, bin währenddessen ständig umgezogen, mit wachsender Angst, niemals anzukommen und meinen Platz zu finden.

 

In den letzten drei Jahren habe ich gecheckt, dass mein Zuhause vielleicht nie ein fester Ort sein wird, ich dafür aber mit dem Schreiben ein Zuhause gefunden habe, das ortsunabhängig ist und das sich komplett richtig anfühlt. Egal wo ich bin, wenn ich den Laptop aufklappe und in meine Geschichten eintauche, atme ich aus, entspanne und konzentriere mich und fühle die Einsamkeit kaum mehr. Und das ist ein großes Glück. 

Nahaufnahme der Front eines AMG Modells. Das Modell steht neben dem Wasser mit einer gelben Einstiegsleiter.

 

Mein größtes Glück. 

Es sind turbulente Jahre, ich bin viel unterwegs und mit dem Auto habe ich einen Raum, einen Ort, einen Gefährten gefunden, der mich überallhin begleitet, mit dem ich mich weniger einsam fühle und viele Erinnerungen teile. Mein Auto. Zwei Duftbäume (Pina Colada + Vanille) hängen am Rückspiegel, Energydrinks sind in der Mittelkonsole, wenn es kalt ist, mache ich die Sitzheizung an und wenn es heiß ist, die Klimaanlage, aber nur ein bisschen, weil sonst Erkältung! Und manchmal, und das sind die besten Momente, öffne ich das Dach und murmle: Was für ein Leben.

 

Jedes Mal, wenn eine Reise-Etappe mit vielen Terminen bevorsteht, kaufe ich am Vortag Getränke und lege mir am Abend ein gemütliches, aber auch stylisches Fahroutfit bereit, in das ich am Morgen schlüpfe. Ich wähle ein Stofftier aus, das mich begleitet, prüfe, ob die Duftbäume noch genug riechen oder ob die Zeit gekommen ist, mal wieder eine neue Sorte zu testen, und sauge mit meinem Autostaubsauger (inzwischen habe ich einen Autostaubsauger) noch einmal durch. Ich liebe diese Rituale am Tag vor der Abreise und fühle mich dabei jedes Mal ein bisschen wie die kleine Caro, die am kommenden Tag mit der Familie in den Urlaub aufbricht.

Das Auto ist einer der wenigen Orte, wo ich entspanne und zur Ruhe komme.

Morgens früh steige ich in mein sauberes und duftendes Auto, frage Mercedes, ob der Reifendruck in Ordnung ist, Mercedes nennt mir den Reifendruck, der in Ordnung ist. Bei der Tankstelle tanke ich voll und hole mir einen Kaffee, den ich in den pinken Thermobecher umgieße, den meine Schwester mir geschenkt hat und auf dem in silberner Schrift „Starautorin“ steht, und dann fahre ich auf die A7 Richtung Hamburg und drehe die Musik auf. 

 

Egal wo ich bin, ich entspanne nie, versuche fast jede Minute zum Schreiben zu nutzen, beantworte ständig Mails oder arbeite ToDo-Listen ab. Ich würde mich tagsüber niemals hinsetzen und einfach mal Musik oder ein Hörbuch hören. 

Ein schwarzes Mercedes-Benz Modell fährt schnell auf einer Landstraße entlang zwischen gelben Rapsfeldern.

Zuhause zu sein und das ist wahrscheinlich eines der schönsten Gefühle, das ich kenne.

Dafür ist einfach immer viel zu viel zu tun! Im Auto kann ich nicht den Laptop aufklappen oder Instagram öffnen, ich freue mich über die Landschaft draußen, einen Ingolstädter, den ich überhole, das wechselnde Wetter. Ich denke auf meinem 5. Roman rum, den ich gerade schreibe, überlege, was Pauline, die Heldin, gerade so treibt, und wenn ich keine Lust mehr habe, mit Pauline, die übrigens u.a. einen roten Mercedes-Benz SL fährt, abzuhängen, rufe ich meine Mama an oder mache ein Romantasy-Hörbuch an. Ich fahre bei einem Autohof raus und freue mich über ein überraschend breites Energydrink-Sortiment.

 

Abends nach der Lesung schaue ich mir im Hotelbett die Strecke für den kommenden Tag an, checke die Park-Situation und atme morgens wieder aus, wenn ich in meinem Auto sitze und auf die Autobahn auffahre. Es fühlt sich an wie auf einem Abenteuer und gleichzeitig Zuhause zu sein und das ist wahrscheinlich eines der schönsten Gefühle, das ich kenne.

Aber das Schönste überhaupt ist und bleibt, nach einer anstrengenden Lesereise den Elbtunnel zu verlassen und dann auf der A7 zurück nach Kiel zu fahren, die Fenster am Schluss zu öffnen, die Ostsee zu riechen, das Kreischen der Möwen zu hören, mir auszumalen, wie ich am kommenden Abend mit offenem Dach ans Meer fahren werde.

 

Und wie ich danach mit nassem Haar, nach Salz riechender Haut und offenem Dach zurückfahre, während die Sonne untergeht.

Ein blaues Autobahnschild mit der Aufschrift "Kiel 42km" ist verschwommen.